Bisher konnte man die Lyrik von Der dichte Fürst lesen, jetzt erscheint am 17.10. auf Delikatess Tonträger eine Schallplatte mit dem Titel „Harz“. Die Lyrik des Fürsten trifft auf Klavierstücke des Pianisten und Produzenten Martin Dörr.

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Pianist Martin Dörr (links) und Der dichte Fürst (rechts)

Auf „Harz“ ist vordergründig alles der Romantik verpflichtet: Die Stimme klingt warm und fast vom eigenen Wort berührt, das Klavier ist melancholisch und schön. Die liedhaften Gedichte handeln vom ersten Kennenlernen, von Liebesversionen, von der Nacht. Doch im Hintergrund steht immer groß die Frage: Passt diese überzeichnete Liebe zu mir? Und warum eigentlich nicht?

Dass es eine solche Veröffentlichung heute gibt: Romantische Liebesgedichte, akzentuiert und getragen von melancholisch leichten Klavierflächen, gepresst auf blutrotem 10″-Vinyl, dazu ein Begleitheft aus feinstem Papier. Es ist ein haptischer Genuss, den das Label Delikatess Tonträger da veröffentlicht.

Der dichte Fürst scheint ohnehin aus der Zeit gefallen: Durch jede Silbe spukt ein alter Geist, ein Echo der Ruhe alter Zeit, eine Erinnerung an Liebe, als sie noch anders war irgendwie. Er vermag es, das Schöne zu erkennen, abseits von Konsum und Tinder, im menschlichen Antlitz wie in der Natur und im alltäglichen Leben und Fühlen.

Angefangen hat alles mit Konfrontation. Als Der dichte Fürst vor einigen Jahren in dem legendären Hamburger Punk- und Indie-Klub MOLOTOW hinter dem Tresen stand, überrumpelte er Rocker, Trinker, Hipster, Tänzer und die Mosh-Pit-Kids zu jeder vollen Stunde mit Lyrik. Die DJane legte Klaviermusik auf und Der dichte Fürst sprang in feinem Zwirn zum Vortrag auf den Tresen. Natürlich kam das nicht bei allen gut an. Haters gonna hate. Doch Der dichte Fürst brachte so mehrere hundert selbstveröffentlichte Gedichtbände unter das Volk. Die Themen: Das Ver- und Entlieben in unserer Zeit der Post-Love, in der Ich-Bedürfnis und erlerntes Ideal so gar nicht zusammenpassen wollen. Und natürlich: Knutschen in Klubs, Einsamkeit in Menschenmassen, das Schreiben-Müssen selbst, Jugend, Natur, Revolte, bei dem Scheiß der Anderen einfach nicht mehr mitspielen.

Zusammen mit dem Pianisten Martin Dörr wurden nun aus einigen dieser Gedichte Lieder an der Schnittstelle zwischen Lyrik und Musik. Dörr wirkte schon als Produzent, Arrangeur, Remixer, Ghostwriter, Komponist, Studiomusiker, DJ, Game-Sound-Designer, Lustobjekt, oder Live-Tastenmensch verschiedenster Bands – er ist ein scheuer Hans Dampf in allen Gassen.

Die Musik des Pianisten auf „Harz“ ist viel mehr als Untermalung, sie überführt die Gedichte in eine neue Form, macht sie sinnlich erlebbar, ja das gesprochene Wort braucht hier das Klavier wie der Buchstabe das Papier. Sein Spiel kommt mal als leichte Träumerei daher („Allee“) und mal als essentielle Bedrohung („Chemie & Kunst“). Ob zwei Protagonisten einander finden, entscheidet nicht zuletzt der Klang des Klaviers.

Auf „Harz“ geht es um Liebende in der Großstadt. In „Identisch“ sitzen Zwei auf Theaterstufen und nähern sich an, durchleben selbst die alte Schnulze des Schnittmengen-Entwerfens. In „Erhebe dich und deine Stimme“ verschlägt es den Protagonisten vor der verpflichtend romantischen Hafenkulisse gar die Sprache. Die Zuneigung offenbart sich höchstens in einem inneren Mantra: „Doch wenn Zwei aufeinander warten / führt es Keinen zu dem Andern“.

In der großen Stadt lernen sich natürlich auch Künstlerexistenzen im nächtlichen Getümmel kennen. Um eine dieser Bekanntschaften geht es in „Chemie und Kunst“: Die Erzählstimme verliert sich in der Kunst des Gegenübers, lässt sich formen und verdrehen, wechselt die Aggregatzustände, bis sie ihre Seele in die Fußspuren des Liebesobjektes gießt, in der Hoffnung, dass es denselben Weg zurück nimmt und so zumindest noch eine Berührung der Fußsohle erwartbar ist. An dieser Stelle unterbrichtDer dichte Fürst seinen ruhigen, warmen Erzählton und die Stimme überschlägt sich im Schreien.

Während die lyrische A-Seite in einem alten Gestus dargebracht wird, ist auf der B-Seite eine Geschichte in poetischem Rhythmus zu finden, zwischen Diskokugel und Abrissbirne: Ein junger Mann sitzt in der Bar des bereits erwähnten MOLOTOW und erwartet sein Date. Die junge Dame ist gerade auf dem Weg zu ihm, holt nur kurz Kippen an der Essotanke direkt um die Ecke. Der junge Mann blickt auf die Flyer und Plakate, versinkt in Erinnerungen. Er stellt sich vor, wie sie näher kommt, spürt sie schon von weitem, zählt die Schritte rückwärts in seinem Kopf, wie ein Countdown: „Sie hat 181 Schritte vor sich. Ich habe sie schon einmal gezählt.“

Der Schauplatz dieser Geschichte ist für den Hamburger von großer Bedeutung. Denn der Weg von der Esso-Tankstelle bis in das alte Gebäude des MOLOTOW markiert die sogenannten Esso-Häuser, die im Sommer 2014 abgerissen worden sind und im Zentrum hitziger Hamburger Gentrifizierungsdebatten stehen.

Doch warum eigentlich „HARZ“? Im Titel drückt sich auch die Position des Fürsten gegenüber seiner eigenen Lyrik aus. Harz, das ist das Blut der Bäume. Harz verschließt ihre Wunden. Harz, gesprochen: Hearts. Harz ist klebrig. Kitsch ist klebrig. Aber: Heilt Kitsch unsere Wunden?

Der dichte Fürst ist ein Erinnerer. Er erinnert Dich an die große Geste, an eine Romantik, die keine Kerzen benötigt, an einen Sturm und Drang, der das Leben hymnisch feiert.

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Der alte Text…

»Suche nicht in den Gedichten / nach deinem Namen oder uns / Dichtung ist zwar Wahrheit / doch mein Leben keine Kunst« lässt uns Der dichte Fürst schon im Prolog seines zweiten Gedichtbandes Mir ist als seh ich deine Sehnsucht wissen und schlägt sogleich jenen unverwechselbaren Ton an, der uns auch in seinen anderen Werken begegnen wird: Liebe stellt diese Fragen nicht, Doch wenn zwei aufeinander warten und das jüngst erschienene Best Of Das Labyrinth in ihrer Brust.

In seinem Werk gelingt es dem dichten Fürsten mit seinen kraftvollen, selbstbewussten Versen, über etwas zu sprechen, das wir in einer dem bloßen Effizienzdenken und Konsum verschriebenen Gesellschaft vielleicht schon verloren geglaubt haben: das aufrichtige, erhabene Gefühl, zu lieben, sich sehnend nach einem Menschen verzehren zu können, darüber zu dichten. Er findet poetische Ausdrucksformen, die nicht nur an die große Tradition deutscher Dichtkunst anknüpfen, sondern ihn auch als ambitionierten Gegenentwurf zu der zu zweifelhaftem Ruhm gelangten Garde junger Autoren erscheinen lassen, die der Welt heutzutage nur noch mit farbloser Ironie und Hegemann’scher Frustration begegnen kann.

Der dichte Fürst hingegen vermag es, das Schöne und Poetische zu erkennen, im menschlichen Antlitz wie in der Natur, in Kunstwerken wie im alltäglichen Leben und Fühlen; seine lyrischen Kleinode sind Erinnerungen an die große Geste, an eine Romantik, die keine Kerzen benötigt, an einen Sturm und Drang, der das Leben hymnisch feiert. Und spricht nicht eine tiefe Wahrheit aus Gedichten, die weder das Wort »Liebe« noch den Endreim scheuen, anstatt sich im uneigentlichen Reden, im alltäglichen Geschwätz, in toter Metaphorik zu verlieren?

Dass das Leben keine Kunst ist, wissen wir also. Und dennoch suchen wir in den Gedichten des dichten Fürsten danach, finden darin vielleicht nicht unbedingt uns und unsere Namen, aber doch zumindest einen geistigen Überfluss, eine Poesie, die seine Sprache zur Kunst veredelt und uns zeigt, dass wohl nur im Künstler jenes Ideal weiterleben kann, das nicht am postindustriellen Zeitgeist zugrunde geht, dass allein die Dichter schon heute jene Priester sind, die der Jugend von Dingen predigen, die da heißen: Persönlichkeit, Anmut und Schönheit.

Text: Ole Hinz

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Krisenzeit & Sonnenschein »Der dichte Fürst / Mir ist als seh ich deine Sehnsucht«